Chile - Küstenzonenmanagement

Artenreiche Fjordenlandschaft versus Lachszucht in Aquakultur

Im Zuge der schnell wachsenden Aquakulturindustrie wächst die Bedrohung natürlicher Küstenlebensräume in Chile. Die Fundación Pumalin setzt sich mit Hilfe der Manfred-Hermsen-Stiftung für ein Küstenzonenmanagement im Golf von Ancud und Corcovado und den Meeresschutz der pazifischen Gewässer und seiner Bewohner ein.

Hintergrund
Die Küstenregion des Golfs von Ancud und Corcovado ist charakterisiert durch die meist weit ins Landesinnere reichenden Fjorde mit einer Vielzahl an Kanälen, Buchten und Inseln. Diese  Region erstreckt sich von der Regionalhauptstadt Puerto Montt im Norden bis zum rund 1.500 km weiter südlich gelegenen Kap Hoorn. Sie stellt eines der größten Ästuariensysteme der Welt dar, in dem Land und Wasser in einem besonders starken Austausch stehen.
Die Artenvielfalt an Meerestieren und Pflanzen ist im Vergleich zu anderen Fjordregionen hier besonders hoch. Neben zahlreichen Süßwasserkorallen und Fischarten wurden bislang 31 Meeressäugertierarten registriert, was diese Region weltweit zu einem „Hotspot“ der Biodiversität und Artenvielfalt an marinen Säugetieren macht.

Darüber hinaus gilt der Golf von Ancud und Corcovado als eines der wichtigsten Nahrungs- und Aufzuchtsgebiete für Blauwale auf der südlichen Halbkugel. Auch andere Walarten nutzen diese Küstengewässer mit seinem Nahrungsreichtum insbesondere als Futterplätze. Weitere Meeressäuger wie Seelöwen und verschiedene Delphinarten finden hier Brut- und Aufzuchtmöglichkeiten.

Im Zuge der globalen Expansion der Fischerei und Fischzucht wurden diese unbelasteten Gewässer während der 1980er Jahre als ideale Gebiete für die Lachszucht entdeckt. Seit der Einführung der Aquakulturindustrie ist dieser Wirtschaftszweig in Chile um das 140-fache angewachsen. Die einst beschauliche Region der Patagonischen Fjorde hat sich explosionsartig in eine der industrialisiertesten Zonen Chiles verwandelt. Heutzutage befinden sich hier mittlerweile rund 90 % der chilenischen Aquakulturanlagen. Weltweit ist Chile nach Norwegen der zweitgrößte Lachsproduzent. Die bedeutendsten Exportmärkte für chilenischen Lachs sind Japan, die USA und die Europäische Union.

Umweltbelastungen und Konflikte
Viele der aus anderen Fjordregionen (z.B. in Kanada, Norwegen, Schottland) bekannten negativen Auswirkungen intensiver Lachszucht sind bereits deutlich sichtbar. Die Wasserqualität hat sich durch den erhöhten Eintrag von Exkrementen, Antibiotika und anderer Chemikalien, sowie Industriemüll aus den Fischfarmen, bereits verschlechtert. Dadurch ist das Wachstum der Kaltwasserkorallen zurückgegangen, und Organschäden bei wildlebenden Organismen treten vermehrt auf.
Der erhöhte Nährstoffeintrag sowie die Ansiedlung gebietsfremder, exotischer Fischarten stört das ökologische Gleichgewicht der heimischen Lebewesen empfindlich; in der Folge kommt es zu eingeschleppten Krankheiten, einer Häufung toxischer Algenblüten („Red-Tides“) und einem verminderten Nahrungsangebot für die Meeressäuger.
Auch an Land ist der Einfluss der Lachsindustrie nicht mehr zu übersehen: Durch den Rückgang der traditionellen kleingewerblichen Küstenfischerei und die Neuansiedlung industrieller Lachszentren hat die Region stark an touristisch attraktiven Gebieten verloren.

Trotz offensichtlicher Probleme mit der zunehmenden Industrialisierung der Region gibt es bislang von staatlicher Seite keinerlei Konzepte für ein strukturiertes und nachhaltiges Küstenzonenmanagement. Die wissenschaftlichen Kenntnisse über das marine Ökosystem dieser Region sind auch heute noch sehr begrenzt. Die Berücksichtigung ökologischer Aspekte bei der Vergabe von Aquakultur-Konzessionen oder bei der Nachweisführung von Schädigungen durch massive Fischzucht werden dadurch sehr erschwert.
Die vorhandenen Umweltauflagen werden nur zögerlich der aktuellen Problematik angepasst. Zudem wird die Einhaltung der bestehenden Normen von staatlicher Seite kaum kontrolliert.
Auch von Nichtstaatlichen Organisationen und von wissenschaftlicher Seite fehlen klare Initiativen oder Vorschläge zum Schutz des marinen Ökosystems in der chilenischen Fjordregion.
 
Das Projekt
Das von einem ehemaligen Mitarbeiter unserer Stiftung angeschobene und über die ersten drei Jahre unterstützte Projekt dient der Verbesserung des integrierten Küstenzonenmanagement in den südchilenischen Fjorden um die Isla Magdalena in den Fjorden Puyuhuapi, Ventisquero und Jacaf (XI.Region). Unsere Kernförderung war die Beteiligung an einem hoch technisch ausgerüsteten Motorboot für die Überwachung der Wasserqualität, Biomonitoring, Kartierungen und der Einhaltung von lizenzierten Standorten der Aquafarmen.

Inzwischen konnte die erste unabhängige GIS-Datenbank angelegt und die erteilten Aquakultur-Konzessionen mit den tatsächlich genutzten Gebieten abgeglichen werden, welche in der Regel nicht übereinstimmten.
Ein weiterer wichtiger Bestandteil der Arbeit sind Kooperations- und Öffentlichkeitsaktivitäten. So wurden Partnerschaften mit anderen chilenischen Nichtregierungsorganisationen wie z. B. „Centro Ecoceanos“ und „Centro de Conservación Cetaceas“ aufgebaut, um die Kräfte zu bündeln.

Das Projekt ist inzwischen ein viel beachteter Bestandteil der weltweiten Kampagne „Pure Salmon Campaign“, welche eine Verbesserung der Umwelt- und Sozialstandards in der Lachsindustrie anstrebt und über den Verbraucherschutz Druck auf die Industrie ausübt.
Die Fundación Pumalin verfolgt Bestrebungen, die nördlich gelegene Tic Toc Bay als Marine Park unter Naturschutz stellen zu lassen sowie weitere Regionen als geschützte marine Bereiche auszuweisen.

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