Meeresschildkröten vor Lampedusa / Sizilien

Mit Engagement und Einfallsreichtum für den Schutz einer bedrohten Tierart

Das Schildkrötenzentrum auf der kleinen Mittelmeerinsel Lampedusa ist mehr als eine Pflegestation verletzter Tiere!
Aufgrund des enormen privaten Engagements ihrer Leiterin, leistet das Zentrum neben seiner Hauptaufgabe, der Heilung von verletzten Meeresschildkröten, mit einfachsten Mitteln erfolgreiche Naturschutz-Aufklärung für Einheimische und einige Tausend Inselbesucher im Jahr. Viele junge Studenten helfen dort freiwillig. Außerdem leistet die Station einen Anteil zur internationalen Erforschung des Wanderverhaltens und Populationsgröße verschiedener Meeresschildkröten.

Hintergrund
Lampedusa ist eine ca. 20 qkm große, flache, fast baumlose Felseninsel, die geologisch zu Afrika und politisch zu Italien, der sizilianischen Inselgruppe Pelagie, gehört. Die Gewässer um die Insel sind sehr stark von wandernden Meeresschildkröten frequentiert, die im ganzen italienischen Küstengebiet vorkommen. Es handelt sich um die Unechte Karettschildkröte Caretta caretta, Lederschildkröte Dermochelys coriacea und die Suppenschildkröte Chelonia mydas. Alle drei Arten, die in den warmen Meeresregionen des Atlantiks und Pazifiks vorkommen, sind - wie alle Meeresschildkröten - vom Aussterben bedroht, letztere beiden akut.

Nur die Karettschildkröte legt ihre Eier an der italienischen Küste ab. Und das sind heute in ganz Italien nur noch 10 Tiere. Auf die Insel Lampedusa findet Jahr für Jahr dieselbe Schildkröte ihren Weg zur Eiablage, bis vor kurzem waren es noch zwei Tiere. Das Gelege wird an dem attraktiven Strand vor der kleinen Isola d`Coniglia in den Sand gegraben. Ausgerechnet dieser Strand mit seiner türkis leuchtenden, flachen Bucht ist ein beliebter Badeort vieler tausend Italiener, die jährlich hier ihren Urlaub verbringen. Eine Gruppe ehrenamtlicher junger Leute „bewacht“ die Schildkröte und ihr Gelege und markiert eine Art Absperrung zwischen Gelege und Meer.

Die Gefährdungen der Schildkröten im Mittelmeerraum gehen vor allem in Küstennähe von Fischerei-Schleppnetzen aus, in denen sich die Schildkröten verfangen oder Gliedmaßen durch Nylonbänder abschnüren, sowie von Angelhaken, die während des Schwertfischfangs verschluckt werden und zu Entzündungen führen, aber auch vom Besetzen der attraktiven Eiablage-Strände durch Badegäste. Es ist gut möglich, dass der Brutbestand an Schildkröten in Italien ganz verschwinden wird.

Das Schildkrötenzentrum dient der Pflege verletzter Schildkröten, leistet in großem Stil Umweltbildung und Aufklärungsarbeit (11.000 Besucher p.a.) und trägt mit seinen gesammelten Daten zur internationalen Grundlagenforschung bei. Das Zentrum existiert seit 10 Jahren und besteht aus einfachen Bauten mit 2 Operations- und Röntgenräumen, einem liebevoll eingerichteten Ausstellungsraum und einer Freianlage mit beschatteter Intensivpflegestation, diversen Becken, in denen die Schildkröten bis zu ihrer Genesung leben und einigen Käfigen für andere verletzte Tiere.

Ursprünglich vom WWF Italien eingerichtet, finanziert sich das Zentrum ausschließlich aus privaten Spenden der Inselbewohner und Besucher. Die ehrenamtlich dort arbeitende Leiterin, Daniela Freggi, hat sich den Meeresschildkrötenschutz zur Lebensaufgabe gemacht und greift oft genug in ihre eigene Tasche, um das Nötigste zu bezahlen. Ein ganzes Heer von Freiwilligen, meist italienische Studenten, sorgen für die Bewältigung der Arbeit in der Hochsaison, wenn bis zu 500 Schildkröten versorgt werden.

Daniela Freggi hat es im Laufe der Jahre geschafft, die Inselfischer sowie viele Fähr- und Hafenarbeiter zur Kooperation zu bewegen. Inzwischen bringen die Fischer jede verletze und versehentlich am Angelhaken gefangene Schildkröte an Land. Die Stationshelfer holen die Tiere am Hafen ab, wiegen und vermessen sie in der Station, untersuchen und operieren sie, wenn nötig, und entlassen sie nach einer Erholungspause in öffentlichkeitswirksamen Aktionen und unter dem Applaus vieler hundert Badegäste ins Meer.

Sogar der kleine Inselflughafen wurde eingespannt: Nachdem das Röntgen-gerät kaputt gegangen war, wurden alle an Land gebrachten Schildkröten, bei denen Verdacht bestand, dass sie Haken verschluckt haben, erst einmal bei der Gepäckkontrolle des Flughafens durchleuchtet. Die Methode klappte einigermaßen gut und es konnte entschieden werden, ob und wenn ja, wo operiert werden musste. Doch diese aufwendige Prozedur (stellen Sie sich eine wild zappelnde, bis zu 120 kg schwere Schildkröte vor) konnte kein Dauerzustand bleiben. So finanzierte unsere Stiftung im Jahr 2005 das dringend benötigte (gebrauchte) Röntgengerät, sowie ein nicht minder nützliches Endoskop, mit dem man die im vorderen Rachenraum sitzenden Haken orten kann. Diese Geräte sind seitdem während der Fischfangsaison im Dauereinsatz!

Wir wünschen Daniela Freggi weiterhin alles Gute und hoffen auf ihre nicht versiegende Energie, mit der sie den Naturschutz auf Lampedusa am Leben erhält und es versteht, junge Freiwillige und eigenwillige Inselbewohner gleichermaßen zu motivieren!

Weitere Informationen finden Sie unter
www.lampedusaturtlegroup.org [italienisch]

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