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29.09.2011: Belo Monte Baustopp - Rückschlag für Größenwahn, Hoffnung für Amazonien    

Das Urteil des Brasilianischen Gerichtshofs, die Bauarbeiten am Belo Monte Staudamm zu stoppen, ist ein unerwarteter Etappensieg für die Widerstand gegen das Projekt selbst. Es ist zugleich aber auch ein Hoffnungsschimmer für ganz Amazonien.

Belo Monte würde zigtausende Menschen vertreiben und den Ureinwohnern die Lebensgrundlagen nehmen. Experten erwarten im Fall einer Fertigstellung zudem das Aussterben zahlreicher Arten. Allein 100 Fischarten bedroht das Projekt sowie den größten Schildkrötenbrutplatz der Welt. 30.000 Amazonasschildkröten kommen hier jährlich im September auf die Sandinseln im Xingu, um hier ihre Eier zu vergraben (siehe Foto).

Doch Belo Monte ist für die Regierung in Brasilia mehr als nur ein Kraftwerk, es ist so etwas wie der „Türöffner" für die großflächige Erschließung des Amazonasgebietes: auf der UN Klimakonferenz in Cancun verkündete Brasilien den Bau weitere 60-80 Megadämme im Regenwald, dazu tausende Kilometer Straßen und Hochspannungsleitungen. Die Folgen für die grüne Lunge der Erde wären fatal. Wird Belo Monte hingegen verhindert, bedeutet das auch für die anderen Staudammprojekte einen herben Rückschlag und damit Hoffnung für Amazonien.

„Projekte wie Belo Monte oder Ilisu machen deutlich, dass Wasserkraft keine grüne oder nachhaltige Technik ist, sondern eine der verheerendsten Formen der Energiegewinnung," so Ulrich Eichelmann von ECA Watch. „Sie sind nicht Klima schonend, sondern Natur zerstörend und Menschen vertreibend!"

Derzeit droht weltweit geradezu eine Staudammflut. Ausgelöst durch die Klimadiskussion werden immer mehr und immer größere Projekte gebaut. Laut der IHA (International Hydro Association, Dachverband der Wasserkraftlobby) sind derzeit weltweit etwa 5.000 größere Staudämme im Bau oder in konkreter Planung.

Kayapo-Indianer am Xingu - Foto: U. Eichelmann

Kayapo-Indianer am Xingu (Foto: Ulrich Eichelmann)

Weitere Infos:

Ulrich Eichelmann - ECA Watch Österreich - Tel. 0043 676 6621512

 

Einige Hintergrundinformationen zum Thema Wasserkraft:

  • Laut der Dachorganisation IHA (International Hydropower Association) sind derzeit etwa 5.000 große Dämme im Bau oder stehen kurz davor, zigtausende sind in Vorbereitung. Dabei soll kaum ein Flussgebiet der Welt ungeschoren bleiben, selbst die letzten Rückzugsgebiete für Arten und Menschen sollen der „sauberen Wasserkraft" geopfert werden.
  • Die Staudammlobby rechnet bis 2020 mit einem jährlichen weltweiten Zuwachs von 4-5 % an installierter Wasserkraftleistung.
  • Nach Erhebungen von Survival International leiden weltweit 500 Millionen Menschen unter den Folgen von bestehenden Staudämmen, z.B. durch verringerte Erträge aus der Landwirtschaft, Fischfang, etc. Etwa 80 Millionen von ihnen verloren ihre Heimat zur Gänze.
  • Brasilien will 60-80 Megadämme und 600 mittlere Dämme im Amazonasgebiet errichten.
  • Auch in Europas letztem großflächig intaktem Flussgebiet, dem Balkan, sind über 400 Dämme in Vorbereitung. Gleiches spielt sich in fast allen Ländern und Flussgebieten der Erde ab, am Mekong, Nil, Sambesi, Kongo, auf Borneo, in Patagonien, in Kanada, Indien, Peru oder Pakistan...
  • Die Projekte werden immer größer: Im Kongo ist der „Gran Inga Damm" geplant. Er soll doppelt so groß werden wie der Drei Schluchten Damm in China. Geschätzte Kosten: 80 Mrd US Dollar.
  • Die Auswirkungen auf die Biodiversität sind weitgehend unbekannt, doch dürften zig oder gar hunderttausende Arten betroffen sein. Allein durch Belo Monte am brasilianischen Xingufluss drohen nach Aussagen von Limnologen etwa 100 Fischarten auszusterben. Realisiert Brasilien alle geplanten Staudämme in Amazonien, halten Wissenschaftler das Aussterben von 1.000 Fischarten für möglich. Das entspricht 10% aller Süßwasserfischarten der Welt.
  • Mehr als 40% des weltweiten Flusswassers ist hinter Staudämmen gefangen.
  • Ein Drittel der Flusssedimente weltweit bleibt in Staudämmen stecken und kommt nicht mehr im Meer an. Die Folgen: bis 2020 rechnen Experten deshalb mit zusätzlich 50 Millionen Menschen, die von Hochwasser und Sturmfluten betroffen sein werden (weil Inseln verschwinden und Deltas einsinken - siehe New Orleans).

Ulrich Eichelmann, September 2011