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18.11.2010: Staudammpolitik der Türkei in Brüssel am Pranger    

Türkische Initiativen berichten EU Parlament und Kommission 

Heute bekam die EU ungewohnten Besuch aus der Türkei. Keine hochrangigen Politiker oder Wirtschaftstreibende aus Ankara, sondern etwa 20 VertreterInnen von Anti-Staudammbewegungen aus allen Regionen der Türkei. Sie berichteten den Abgeordneten und der Kommission aus erster Hand über die Wasserkraftprojekte und deren verheerenden Folgen für Menschen, Natur und Kulturgüter. Und sie erzählten von ihrem Widerstand. Die Türkei ist neben China und Brasilien das Land mit den meisten Wasserkraftprojekten. Etwa 1.500 Staudämme will die Regierung in Ankara bauen und damit praktisch jeden Fluss zum Stillstand bringen. „Der Widerstand gegen Ilisu ist zu einem Widerstand gegen viele andere Staudammprojekte geworden. Die EU muss diese Initiativen unterstützen und auf die Türkei einwirken, um diese Staudammflut zu stoppen", so Ulrich Eichelmann von ECA Watch Österreich.

Unter dem Motto „Water Politics in Turkey - A Challenge for EU-Turkey Relations" fand heute im Europäischen Parlament in Brüssel eine Konferenz der anderen Art statt. Europäische Abgeordnete und VertreterInnen der Kommission ließen sich aus erster Hand über die Situation an den türkischen Flüssen informieren. Ausnahmsweise stand dabei nicht der Ilisu Staudamm im Mittelpunkt, sondern zahlreiche andere Projekte, die hier im Westen zumeist völlig unbekannt sind. Etwa 20 Betroffene von 13 türkischen Organisationen berichteten von den Staudammprojekten, deren Folgen und ihrem Widerstand gegen diese Projekte. Sie kamen aus allen Teilen der Türkei, von den Flüssen Coruh, Yortanli (Allianoi), Munzur, Tigris, Alakir, Loc, Yuvarlakcay. Insgesamt sollen allein in diesen Tälern 598 Dämme gebaut werden. Frau Pervin Coban Savran, Vertreterin der Nomaden aus dem Taurusgebirge, erzählte von den Konsequenzen der Dämme für ihr Volk. Die Stauseen vernichten ihre Weidegründe und schneiden ihre uralten Wanderwege ab. Informiert oder gar gefragt wurden sie nicht.

Bei den Planungen für die Dämme werden zumeist weder die betroffenen Menschen informiert, noch die Folgen für Natur und Kulturgüter überprüft. Mehr als 1.500 Staudämme will Ankara in den nächsten 20-25 Jahren bauen. Das würde letztlich die Vertreibung von mehr als 100.000 Menschen, die Zerstörung fast sämtlicher ökologischer Lebensadern und kultureller Schätze bedeuten. „Die Staudammpolitik der Türkei widerspricht europäischen Standards. Wir ersuchen die EU, uns in unserem Einsatz gegen die verheerende Staudammflut in der Türkei zu unterstützen. Wir brauchen Hilfe," so die VertreterInnen der Anti- Staudammbewegungen.

-> Video-Interview mit Thomas Wenidoppler (ECA Watch Austria) und Dicle Tuba Kilic (Doga Dernegi) im Europäischen Parlament (MO* Mondial Nieuws - Interview auf English)

Teilnehmenden Organisationen: Alakir River Platform, Allianoi Movement, Coruh Basin Conservation Union, Doga Dernegi, Free Munzur Initiative, Green Artvin Society, Initiative to Keep Hasankeyf Alive, Loc River Platform, TEMA Foundation, Turkish Water Assembly, Yuvarlakcay Platform.

Die Konferenz wurde von ECA Watch Österreich und den Europäischen Grünen organisiert und von Vertretern der Konservativen, der Sozialdemokratischen und der Liberalen Fraktion unterstützt.

MEP Ulrike Lunacek (Mitte) mit Vertretern staudammkritischer Initiativen

v.l.n.r: Halime Çakmak (Loç Valley Protection Platform), Pervin Çoban Savran (Sarıkeçili Nomads Society)

v.l.n.r: Nicholas Hanley (Europ. Kommission, DG Environment), Ulrich Eichelmann (ECA Watch Österreich), MEP Ulrike Lunacek  

Fotos: Wolfgang Machreich