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07.07.2010: Ilisu: Ein Jahr nach dem Ausstieg    

Neue Studie bringt trotz Bauarbeiten Hoffnung für Hasankeyf

Vor einem Jahr, am 8. Juli 2009 zogen Deutschland, Österreich und die Schweiz einen Schlussstrich unter das Ilisu Staudammprojekt in der Türkei und kündigten die Verträge mit der Türkei. Im Frühjahr 2010 nahm die Türkei vor Ort die Bauarbeiten wieder auf.

Aber nun gibt es neue Hoffnung, dass Hasankeyf doch nicht in den Fluten untergeht. Gestern wurde in Ankara auf einer internationalen Konferenz von der renommierten Technischen Universität Ankara eine Studie vorgestellt, die nachweist, dass man Strom erzeugen kann ohne die historische Stadt zu vernichten. Statt einem Megadamm sollen fünf kleinere Dämme am Tigris und dessen Zuflüsse gebaut werden. -> zur Studie

Die Vorteile:

* die erzeugte Strommenge wäre gleich
* geringer Baukosten
* die überflutete Fläche wäre um 27% geringer
* Hasankeyf würde nicht unter Wasser gesetzt

Ob die türkische Regierung dieses Projekt tatsächlich als Alternative in Erwägung zieht ist noch unklar. „Wir begrüßen diesen Vorschlag der Universität Ankara. Er beweist, dass es möglich ist, Strom zu erzeugen und Hasankeyf zu erhalten", so Ulrich Eichelmann von der Stop Ilisu Kampagne.

Daneben hat die Auseinandersetzung um Ilisu auch zu Veränderungen in der türkischen Zivilgesellschaft geführt. So haben sich in der Türkei erstmals viele NGOs und Bürgerinitiativen zu einem „Wasserparlament" zusammengeschlossen, um gemeinsam die verheerende Wasser- und Umweltpolitik der Türkei unter der Leitung von Wasser- und Umweltminister Veysel Eroglu zu stoppen. „Ilisu zeigt vielen Menschen und Organisationen wie wichtig und sinnvoll Engagement ist. Trotz Baubeginn vor Ort kann „Ilisu" zu einem Meilenstein der türkischen Zivilgesellschaft werden" ist Ulrich Eichelmann überzeugt.

 

Anlässlich des Jahrestages des Ausstiegs hier ein Rückblick auf die wichtigsten Ereignisse seit Juli 2009:

• Am 8. Juli 2009 erklären die drei Länder den Rückzug aus dem Ilisu Projekt, weil Auflagen nicht eingehalten und internationale Standards nicht erreicht wurden.

• Die drei Länder empfehlen den europäischen Banken und Baufirmen, sich ebenfalls zurückzuziehen. Europäische Banken und Baufirmen zogen sich ebenfalls zurück - mit Ausnahme der österreichischen Andritz AG. Die Türkei kündigt Weiterbau an.

• Im Dezember 2009 erreichen uns Informationen über eine mögliche Beteiligung Chinas am Projekt. -> mehr dazu
Im Frühjahr 2010 stellt jedoch der chinesische Botschafter in Ankara klar, dass es keinerlei Beteiligung chinesischer Firmen am Projekt geben wird. Zuletzt kritisierte sogar eine chinesische Zeitung das Projekt offen -> mehr dazu

• Im Frühjahr nimmt die Türkei die Bauarbeiten in Ilisu wieder auf. -> mehr dazu

• Widerstand: erstmalig schließen sich in der Türkei zahlreiche NGOs und Initiativen zusammen und gründen das „Wasserparlament". Ziel ist es, den Staudammwahn in der Türkei zu stoppen (die Türkei will über 1.000 Staudämme bauen, was die Zerstörung sämtlicher Feuchtgebiete zur Folge hätte).

• Am 10.2. fordert das EU Parlament die Türkei in einer Resolution auf, die Bauarbeiten an Ilisu einzustellen. -> mehr dazu

• Anfang April 2010 fordern 111 Wissenschaftler der Universität Istanbul die türkische Regierung auf, Ilisu nicht zu bauen.

• Am 23.4 kündigt die Chefin der türkischen Akbank, Sabanci Dincer, an, Ilisu zu finanzieren, aber dass ihre Bank in Zukunft bei der Finanzierung von Projekten viel stärker Rücksicht auf die ökologische und soziale Folgen nehmen werde.                 -> mehr dazu

• Ein internationaler workshop in Hasankeyf (Anfang Mai) zeigt die Vision für den jahrtausende alten Ort ohne Stau auf. Mit dabei ist die Technische Universität Wien. StudentInnen der Uni präsentierten dort ihre Architektur-Entwürfe für die Stadt.     -> mehr dazu

• Im Juni 2010 verkündet Andritz die Unterzeichnung der Verträge mit der Türkei. Für 340 Mio Euro bleibt die Firma als einziges großes europäisches Unternehmen im Projekt. -> mehr dazu

• Ende Juni protestieren zahlreiche NGOs („Wasserparlament") in Ankara gegen die Politik von Umwelt- und Wasserminister Eroglu. Sie fordern seinen Rücktritt.

• Am 6. Juli stellt die Technische Universität Ankara auf einer internationalen Energiekonferenz in Ankara ein Alternativkonzept zu Ilisu vor, durch das Hasankeyf gerettet würde. -> zur Studie