Bilder
Videos & Hoerfunk
Dokumente & Expertenberichte
Ansichtssache

19.03.2010 Damoklesschwert Wasserkraft     

Weltwassertag: Staudammwahn ist globale Bedrohung für Natur und Menschen

Anlässlich des Weltwassertages am 22.3. warnt ECA Watch vor dem rücksichtslosen Ausbau der Wasserkraft als eine der größten Bedrohungen für den Naturhaushalt der Erde. Tausende Tier- und Pflanzenarten sowie Millionen Menschen sind von aktuellen Staudammprojekten bedroht. Unter dem Deckmantel der „sauberen Energie“ und des Klimaschutzes werden weltweit derzeit so viele Wasserkraftprojekte geplant und umgesetzt wie nie zu vor, fast immer ohne Sozial- und Umweltstandards einzuhalten. Und österreichische Firmen verdienen an dieser Zerstörung. „ Heute werden Flusslandschaften bedenkenloser als vor 10 oder 20 Jahren geopfert“, so Ulrich Eichelmann von ECA Watch. „Stoppen wir diesen Staudammwahn nicht, verlieren wir in den nächsten 10-20 Jahren einen Großteil der noch verbliebenen Naturlandschaften der Erde, samt seiner Artenvielfalt,“ so Eichelmann weiter.

Flüsse sind die Lebensadern der Erde, sie sind die artenreichsten Lebensräume, sind Entwicklungsachsen vieler Kulturen und Lebensraum für hunderte Millionen Menschen. Werden diese Adern durch Staudämme „verstopft“ und in Stauseen verwandelt, geht diese Vielfalt verloren. Artensterben und Vertreibung ist die Folge, Jahrtausende alte Kulturschätze versinken.

Während noch in den 1980er und 1990er Jahre der Bau von Staudämmen rückläufig war und viele Projekte durch die strenge Anwendung von Umwelt- und Sozialstandards gestoppt wurden, erlebt die Branche nun einen ungeheuren Boom. Schätzungen zufolge sind derzeit weltweit 1.500 große Dämme im Bau und jeden Tag wird ein neuer „Large dam“ in Angriff genommen. Fast immer ohne Einhaltung von Sozial- und Umweltstandards.

Etwa 80 Millionen Menschen haben bisher durch Staudämme ihre Heimat verloren, Tendenz stark steigend. Wie viele Tier- und Pflanzenarten bisher ausgestorben sind durch den Bau von Staudämmen, ist unbekannt. Vermutlich tausende. So erwarten z.B. Wissenschaftler das Aussterben von etwa 1.000 Fischarten, sollten die 79 Staudämme in Amazonien tatsächlich gebaut werden, die die brasilianische Regierung in den nächsten Jahren umsetzen will. Das entspricht einem Zehntel aller bekannten Süßwasserfische der Welt!

Doch nicht nur Amazonien ist betroffen, sondern nahezu alle noch natürlich verbliebenen Flussläufe: das Mekonggebiet, der Amur, der Kongo, der Nil in Äthiopien und Sudan. Dasselbe gilt für China, Patagonien, Borneo, Türkei, Balkan. Selbst das berühmte Okawangodelta in Botswana ist durch Staudämme am Oberlauf des Okawangoflusses bedroht. Alles Zerstörung im Namen des Klimaschutzes.

Und Österreich ist mitten drin in dieser Vernichtungsmaschinerie. Zum einen sollen im eigenen Land selbst die letzten Reste freier Flüsse durch Staudämme zerstört werden, etwa am Inn und Lech oder an der Mur. Zum anderen wollen sich österreichische Firmen an verheerenden Projekten beteiligen. Denn Wasserkraft ist ein österreichischer Exportschlager.

Beispiel Ilisu/Türkei: Wegen zu katastrophaler Folgen des Projekts (60.000 Vertriebene, 400 Kilometer Flüsse vernichtet, die 10.000 Jahre alte Stadt Hasankeyf zerstört) und wegen Nicht-Einhaltung von Auflagen kündigten im Juli 2009 Österreich, Deutschland und die Schweiz die Verträge mit der Türkei. Die europäischen Banken zogen sich ebenfalls zurück und vermutlich auch deutsche und Schweizer Baufirmen. Nicht so die österreichische Andritz AG. Erst am 5.3. erklärte Andritz-Chef Wolfgang Leitner, dass seine Firma weiterhin zur Verfügung stände, sollte die Türkei den Damm doch bauen.

Beispiel Belo Monte/Brasilien: am Xingufluss in Brasilien, einem Zufluss des Amazonas, soll der drittgrößte Staudamm der Welt entstehen. Wissenschaftler sagen das Aussterben von mindestens 100 Fischarten voraus, das entspricht der Hälfte aller Süßwasserfischarten Europas! Tausende Indianer würden alles verlieren. Auch hier will sich die Andritz AG beteiligen und erwartet einen hunderte Millionen Euro Auftrag.

Beispiel Munzur/Türkei: Mitten im Nationalpark soll der Munzurfluss im Osten der Türkei aufgestaut werden. Mehr als 10.000 Menschen müssten umgesiedelt werden, zahlreiche seltene Arten ständen vor dem Aus. Dem Vernehmen nach will sich die STRABAG an diesen Projekten beteiligen. STRABAG Chef Hans Peter Haselsteiner hat eine Beteiligung bisher nicht ausgeschlossen und Gespräche mit Staudammkritikern abgelehnt.

ECA Watch fordert: Intakte Naturgebiete müssen staudammfrei bleiben, in den übrigen Regionen dürfen Wasserkraftwerke nur bei Einhaltung der strengen Auflagen der World Commission on Dams errichtet werden. Die Auflagen der World Commission on Dams wurden in Zusammenarbeit von Weltbank und NGOs erarbeitet.

 

Indianer protestieren am Xingu in Amazonien gegen die Beteiligung von Andritz.

Faixa Indios protestieren am Xingu in Amazonien gegen die Beteiligung von Andritz. Für die Profite der Firma müssten sie die Zeche zahlen. Sie würden alles verlieren. (Foto: Antonia Melo)

 

Toter Flamingo. Tausende Arten sind durch Staudammprojekte bedroht.

Toter Flamingo. Tausende Arten sind durch Staudammprojekte bedroht.

 

 

Munzurtal, Türkei

Der Munzur im Osten der Türkei soll ebenfalls in Stauseen versinken. (Foto: Doga Dernegi)