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Ein √∂kologisches Desaster droht!    

Enorme Artenvielfalt!     

Haben Sie gewusst, dass es zwischen Euphrat und Tigris noch Leoparden, Hyänen, Wildziegen, Gazellen, Bären, seltene Adler, Geier, Schildkröten usw. gibt? Dass der seit 1970 als "ausgestorben" geltende Kaspische Tiger hier vermutlich noch bis 1990 überlebt hat? Dass der letzte Löwe hier um 1870 geschossen wurde und dass es am Tigris noch 1000 vor Christus Elefanten gab? Dass die Mehrzahl unserer sogenannten Ackerunkräuter wie Klatschmohn, Rittersporn usw. von hier stammt? Dass fast alle Goldhamster der Welt Nachfahren einer Population aus dieser Region sind?

Die Türkei und speziell die Region zwischen Euphrat und Tigris zeichnen sich durch eine enorme Artenvielfalt aus. Das liegt vor allem daran, dass hier Europa und Asien aneinander grenzen und der afrikanische Kontinent auch nicht weit weg ist. Solche Schnittstellen sind artenreich. Die Biodiversität wird dann noch einmal deutlich größer, wenn Flüsse wie der Tigris Trockenregionen durchfließen.

Die ökologische Bedeutung des Tigris für Arten der Auen und Fließgewässer ist in der Region überragend!

Während der Euphrat schon zu einer lückenlosen Kette von riesigen Stauseen ausgebaut ist, ist der Tigris noch weitgehend intakt. Oberhalb und unterhalb des geplanten Ilisu-Dammes besitzt er auf hunderten Kilometern Länge eine natürliche Dynamik und Strukturen mit Inseln, Kiesbänken, Steilufern, Höhlen und Schluchten. Für europäische Dimensionen geradezu "paradiesisch". Die jährlichen Frühjahrshochwässer erzeugen ständige Veränderungen der Auen, graben die Landschaft um und produzieren damit die notwendigen Lebensräume für die Tier- und Pflanzenarten.  Einige Beispiele:  

  • Euphrat-Weichschildkröte: Global bedroht, bis zu 1,3 Meter lang. Eine der ganz wenigen echten Flusschildkröten der Welt. Kommt nur an Euphrat und Tigris vor. Eiablage auf Sandbänken im Fluss. Am Euphrat infolge Staudammbau starke Abnahme der Population. Am Tigris noch intakte Population, durch Ilisu stark gefährdet. Aussterben der Art mittelfristig nicht auszuschließen.
  • Streifenhyäne: Bedrohte Art, nutzt Höhlen im unteren Bereich der Hänge am Fluss. Prognose: Isolierung und Rückgang des Bestandes, genetische Verarmung.
  • Rotlappenkiebitz: Weltweit bedrohte Vogelart. Die einzigen Brutgebiete in der Türkei würden durch den Damm infolge direkter Überflutung und Veränderung des Fließregimes verloren gehen.
  • Habichtsadler: Zwei bekannte Brutplätze. Beide würden durch Einstau verloren gehen. 
  • Rötelfalke: Global gefährdete Art. Noch häufig in den Felsklippen entlang des Tigris, etwa 25 Brutpaare in Hasankeyf. Durch Ilisu und Intensivierung der Landwirtschaft gefährdet. 
  • Fischarten der Fließgewässer im Tigris: Es sind 40 Fischarten bekannt, etwa die Hälfte davon sind sogenannte rheophile Arten (= Arten, die fließendes Gewässer brauchen), also echte Flussfische, die in einem Stau nicht überleben könnten. 
  • Euphratpappel: Vorkommen dieser Baumart ist auf Euphrat und Tigris beschränkt. Diese Pappelart benötigt zum Keimen offene Kies- oder Sandböden, die durch Hochwässer entstehen. Am Euphrat infolge Einstau kaum noch Verjüngung der Bestände. Zukunft am Tigris durch Ilisu-Projekt bedroht.

Die Tiere und Pflanzen werden hier stellvertretend für zahlreiche andere genannt. Wie groß die Artenvielfalt tatsächlich ist, weiß niemand, zu wenig ist erforscht worden.

Erst 5 Prozent des Tigris erforscht

Laut der Tigris-Universität von Diyarbakir sind erst ca. 20 Kilometer des Tigris im Bereich des Ilisu-Projektgebietes ausreichend  untersucht. Das entspricht 5 Prozent! Man weiß also nicht, was man durch den Bau gefährden oder vernichten würde.

Keine UVP

Entgegen den Beteuerungen der Projektbetreiber gab es keine Umweltvertäglichkeitsprüfung (UVP) für das Ilisu-Projekt. Eine UVP prüft grundsätzlich die Auswirkungen des Projektes auf die Umwelt, also auf  Menschen, Tiere und Pflanzen, Wasser, Luft und Boden. Zudem ist zu prüfen, ob es bessere Alternativen zum Projekt gibt, etwa andere Arten der Energieerzeugung, die weniger Schaden anrichten. Die betroffene Bevölkerung ist in die Planung und Prüfung mit einzubeziehen.
In Europa ist für jedes kleinere Wasserkraft eine UVP gesetzlich vorgeschrieben. Bei Ilisu nicht. Die Folge ist, dass die Konsequenzen des Projekts unbekannt sind und dass keine wirklichen Ausgleichsmaßnahmen entwickelt werden können.

Einstau und Schwall

Auf etwa 400 Kilometer Flusslänge würden die Ökosysteme des Tigris und seiner Zuflüsse wie  Botan und Batman durch "Ilisu" zerstört und zwar auf zwei Arten: zum einen durch Einstau oberhalb des Dammes, bei dem die Flüsse in einen Stausee umgewandelt werden. Zum anderen durch den Schwall unterhalb der Staumauer. Ilisu ist als Spitzenstromkraftwerk geplant. Anders als bei den Kraftwerken an Rhein oder Donau soll unten nicht soviel herauskommen, wie oben hineinfließt, sondern täglich soll das Wasser in einem Schwall dann abgelassen werden, wenn große Strommengen in den Städten und Industrieregionen benötigt werden. Das heißt, dass die meiste Zeit des Tages nur ein Rinnsal aus dem Kraftwerk fließt, dann aber plötzlich eine Flutwelle abgelassen wird, die bis zu 7 Meter hoch sein kann. Dieses künstliche Abflussverhalten ist im wahrsten Sinn des Wortes tödlich für alles Leben, kaum eine der Flussarten könnte sich auf diese tägliche Flut einstellen.

Experten der renommierten Eidgenössischen Technischen Hochschule von Zürich (ETH)  haben herausgefunden, dass das Wasser unterhalb der Staumauer um etwa 10 Grad kälter, stark verschmutzt und sauerstoffarm sein wird. Die Arten und die Menschen flussab erhalten also eine tägliche Flut aus dreckigem, sauerstoffarmem und kaltem Wasser.  Auswirkungen, die von den Experten der ETH Zürich und Phill Williams bestätigt werden:

- Verlust seltener, flusstypischer Lebensräume,
- Verlust bedrohter Arten- Bestandsrückgänge von Pflanzen und Tieren der Flussauen,
- Erosion der Flussufer und des -bettes,
- Grundwasserstandssenkungen flussabwärts des Dammes,
- Sedimentation und Eutrophierung im Staubecken trotz geplanter Kläranlagen,
- Schlechte Wasserqualität und sauerstofffreie Zonen im Staubecken, infolgedessen
- Freisetzung von Treibhausgasen,
- Verschlechterung der Wasserversorgung und -qualität für die Menschen, auch in Syrien und dem Irak,
- Zunahme von Malaria und Auftreten anderer tropischer Krankheiten.

Drastische Folgen für das Mesopotamische Delta

Sehr wahrscheinlich sind die Auswirkungen aber noch weit größer. Der Irakische Wasserminister Latif Rashid befürchtet negative Folgen für das sogenannte Mesopotamische Delta im Süden des Irak. Dieses Binnendelta am Zusammenfluss von Euphrat und Tigris nahe der Stadt Basra zählt laut WWF zu den 200 wertvollsten Ökosystemen der Erde. Von Sadam Hussein entwässert, versucht der Irak heute mit finanzieller Hilfe des Westens diese Sümpfe wieder zu vernässen, zu renaturieren. Das Gebiet hängt stark von den Frühjahrshoch-wässern von Euphrat und Tigris ab. Während der Euphrat infolge der Staudämme in der Türkei schon deutlich weniger Wasser hat, überfluten die Hochwässer des Tigris noch immer die Feuchtgebiete im Frühjahr. Dadurch können sich  beispielsweise die Fischpopulationen vermehren, von denen sich wiederum die lokale Bevölkerung ernährt.
Genau die lebenswichtigen Frühjahrshochwässer sollen aber vom Ilisu-Staudamm abgefangen und im Stausee gespeichert werden. Dadurch könnten die Hochwässer im Delta ausbleiben, was zu einer Abnahme der Arten und zur Gefährdung der Bevölkerung führen kann.

Trotz mehrfacher Intervention erachtet es die Türkei nicht als notwendig, die Auswirkungen flussabwärts des Staudammes zu untersuchen. 

Weitere Informationen:


last updated: 23.8.2010